vienna.at


Petra Trippel
Mein Profil ansehen Profil Schreiben sie mir eine Email Email
Ihre Meinung zu diesem Thema kommentieren
Beitrag online gestellt: Dienstag, 18. November 2008 10:45

Schatzsuche im Müllcontainer

Es ist nicht der Hunger, der in Wien immer mehr Menschen dazu bringt, ihr tägliches Brot im Müll zu suchen, sondern die Kritik an der Wegwerfgesellschaft.

Sie nennen sich „Freeganer“ und holen sich, was andere wegwerfen. Meist passiert dies nicht aus materieller Not. Vielmehr ist es ein politisches Statement gegen Verschwendung mit dem Nebeneffekt, dass man satt wird. Lydia S. ist über die Medien auf diese Bewegung aufmerksam geworden und will es nun wissen. Ihr erster Streifzug durch Wien auf der Suche nach Essen im Müll steht kurz bevor und Punkt begleitet sie.

Im Müll gefundenes Essen
Der Selbstversuch

Es ist Abend. Die Geschäfte sind längst geschlossen, und die Parkplätze leer. Gleich zwei Supermärkte liegen in unmittelbarer Nähe zueinander. Es sind kaum Menschen unterwegs. Hier versucht sie ihr Glück. Die erste Mülltonne ist versperrt und einfach nicht aufzukriegen.
Zielsicher geht Lydia zum nächsten Müllcontainer gleich über der Straße. Und siehe da. Die Tonne lässt sich öffnen. Es riecht streng. Dank der Handschuhe lässt sich der Ekel überwinden und schon wühlt sie im Abfall. Ein Sack Mandarinen, ein paar braune Bananen fischt sie aus dem Behälter, nicht ohne sich mehrfach umzusehen, ob vielleicht jemand aufmerksam wird. Unfassbar, aber wahr, die Lebensmittel sind weit davon entfernt, verdorben zu sein. Die Beute versteckt sie schnell in der Tasche, bevor sie sich still davonmacht. Auf in die Nacht, zum nächsten Supermarkt. Wo das ganze Spiel von vorne beginnt, bis die Tasche kaum noch zu tragen ist.
Nach dieser ersten Erfahrung ist sie sich sicher: es wird nicht bei diesem einen Mal bleiben.
Und mit anderen „Freeganern“ will sich Lydia so schnell wie möglich vernetzen. „Das ist nicht nur ein Experiment für mich, sondern eine Lebensphilosophie!“, sagt sie zuversichtlich.

„Ausgehend von New York entwickelte sich in den letzten Jahren ein internationales Netz von lokalen Action Groups, die die Mülltonnen von Supermärkten nach Essbarem durchsuchen“, erzählt sie, „Die Theorie dahinter spricht mich unglaublich an.“ Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Obwohl im Internet viele Tipps für angehende „Freeganer“ zu finden sind, und einige auch gerne in den Medien von ihren Streifzügen berichten, wird jedem Interessierten geraten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Begriffscheck vor dem Start

„Die haben sogar eine eigene Sprache! „Containern“, „GeObben“ und „Dumpster Diving“, erzählt sie. Ersteres beschreibt die Tatsache, dass man brauchbares aus dem Müll holt, zweiteres bezeichnet das gezielte Suchen von Gemüse und Obst. Und der dritte Begriff heißt nichts anderes, als in die Abfalltonne einzutauchen. „Freegan“ ist abgeleitet vom englischen Begriff “ free“ für "frei" und „vegan“ für eine Person, die keine Tierprodukte verzehrt.

Wichtige Tipps für Anfänger

Auf der Website http://www.freegan.at findet man eine genaue Anleitung, wie der erste Streifzug durch die Mülltonnen gelingt.
So soll man auf Märkten Standinhaber ansprechen, und nach nicht mehr verkäuflicher Ware fragen. Die beste Zeit ist frühmorgens oder abends, denn da wird unschöne, aber essbare Ware großzügig aussortiert. Bei Supermärkten sind die Müllcontainer oft in abgeschlossenen Räumen zu finden, oder im Freien, aber mit Bewegungsmeldern versehen. Doch davon lassen sich „Freeganer“ nicht abschrecken. Man sollte mit Plastikhandschuhen und einer Taschenlampe ausgerüstet sein und niemals Spuren hinterlassen.
Rechtsexperten sind sich nicht einig, wer Eigentümer des Mülls ist, und ob dieser überhaupt gestohlen werden kann. „Das ist für angehende „Freeganer“ gut zu wissen“, begründet Lydia ihre ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Thema.
Wird man erwischt, kann es dennoch unangenehm werden, denn Wachdiensten und Polizei muss man erst mal erklären, das man niemandem etwas stiehlt, wie man in zahlreichen Foren im Internet nachlesen kann.

Gegen die Wegwerfgesellschaft

In den Großstädten wird etwa die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. „Freeganer“ verstehen ihre Aktivitäten als Protest gegen dieses Vorgehen. „Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass es allgemein als unabänderlich akzeptiert wird“, erzählt Lydia. „Als gesamtgesellschaftliches Konzept taugt das „Containern“ allerdings nicht, denn nicht alle können von den Abfällen leben“, lässt ein User auf einem Diskussionsboard im Internet wissen, „allerdings zeigt man so die Absurdität der Verhältnisse auf“, schreibt er weiter.
Im Internet gibt es eine Fülle von Informationen und Tipps für all jene, die selbst mal versuchen wollen, Schätze aus dem Müll zu holen.

Links:
http://www.freegan.at
http://www.freegan.info

Es gibt 0 Kommentare zu diesem Thema

Was meinen Sie?

Ihr Beitrag ist der erste an dieser Stelle.


Sie müssen eingeloggt sein um hier posten zu können.

IHR LOGINBEREICH

Sie haben noch kein Konto? Registrieren

Benutzername:
Passwort:
Merken?

IHR BLOG IN 3 SCHRITTEN

1 Benutzer anlegen
2 Geben Sie Ihrem Blog einen Namen
3 Design auswählen
  Blog erstellen  

Disclaimer

Die dargestellte Meinung ist jene des Autors. Vienna Online übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit oder Vollständigkeit der bereitgestellten Informationen. Der Autor kann diesen Weblog ohne gesonderte Ankündigung verändern, ergänzen, löschen oder die Veröffentlichung zeitweise oder endgültig einstellen.